“Pflegeberufe durch Auslandsaufenthalte stärken” Finnland, Spanien, Israel oder Ghana: Cordula Gallois und Markus Welters von der kbs Akademie für Gesundheitsberufe schicken ihre Schülerinnen und Schüler weit in die Welt hinaus, damit sie möglichst viel lernen können über gute Pflege – und fürs Leben. Unterstützt werden sie dabei auch von ERASMUS+.

Europäische Pflegeprojekte nehmen Fahrt auf – Neue Kompetenzen in der Pflege durch Erasmus+-Projekte in der Berufsbildung

Die Pflege steht vor zentralen Herausforderungen: Aufgrund des durch den demografischen Wandel induzierten Fachkräftebedarfs und damit verbundenen Anerkennungsfragen sowie zunehmender Technisierung gekoppelt mit hohem ökonomischen Druck lassen sich steigende Anforderungen an Gesundheits- und Pflegeberufe beobachten. Jedoch müssen auch die Fort- und Weiterbildungsangebote weiterentwickelt werden, um diesen Anforderungen nachzukommen, denn neue Kompetenzen und Qualifikationsmixe werden benötigt.

Gesundheit und Pflege sind keine explizite Priorität im Programm Erasmus+. Dennoch befassen sich aufgrund der wachsenden Bedeutung des Themas eine Reihe von transnationalen Kooperationen, sogenannte Strategische Partnerschaften, unter deutscher Koordinierung aus verschiedenen Blickwinkeln damit.

Anerkennung und Attraktivität

Strategische Partnerschaften in der Berufsbildung beschäftigten sich u.a. damit, wie Anerkennungsprozesse von Kompetenzen über Grenzen hinweg unterstützt werden können. Dies geschieht mittels der Entwicklung einer Kompetenzmatrix für die Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege, die länderübergreifend berufsrelevante Kompetenzen entwicklungs- und lernergebnisorientiert abbildet und damit als Instrument zur Erhöhung von Transparenz und Vergleichbarkeit von Kompetenzen und Abschlüssen im Rahmen grenzüberschreitender Arbeitnehmermobilität fungiert (HCEU, EUcareNET). Weitere Projekte haben zum Ziel, die Attraktivität und Transparenz des Ergotherapeutenberufs (EUPRAC) zu erhöhen oder den Austausch über Anforderungen des modernen Arbeitsmarkts an die Pflegeausbildung wie die generalistische Grundausbildung (MAPAP) zu fördern.

Interprofessionelles Lernen

Interprofessionelles Lernen und die Verbesserung der Kommunikationsprozesse am Arbeitsplatz zwischen Pflegekräften und Lernenden auf mittlerer und höherer Qualifikationsebene ist ein wichtiges Thema in Pflegeeinrichtungen (eCoNNECT). Eine länderübergreifende Qualifizierung von Pflegefachkräften und Laien, die in der Pflege für die Zielgruppen von jungen pflegebedürftigen Menschen eingesetzt sind, wurde in europäischer Zusammenarbeit entwickelt („Entwicklung, Adaption, Transfer und Verbreitung von modularen Bildungsangeboten für Pflegepersonal in der ambulanten und stationären Pflege von jungen pflegebedürftigen Menschen“, Junge Pflege). Ein modulares Fort- und Weiterbildungskonzept erweitert um den Aspekt der psychosozialen Pflege auf Hochschulniveau wurde hierzu erarbeitet. Dieses besteht aus 16 Modulen speziell für Pflegekräfte, die an Hochschulen, Altenpflegeschulen und in der innerbetrieblichen Fortbildung erprobt, evaluiert und umgesetzt wurden.

Schließlich wurden praktische Trainingstools entwickelt, um aus Erfahrungen und dem Wissen von Fachkräften zu lernen, die die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen (ICF-CY) von der WHO zu Planungs-, Dokumentations- und Assessmentprozessen bereits anwenden (ICF-CY-MedUse).

Digitalisierung

Hierunter fallen die Entwicklung von technologiegestützten Lern- und Beratungstools, wie beispielsweise sogenannte „Serious Games“ für die Pflegeausbildung, die u.a. Brücken zwischen tatsächlichen Pflegeaufgaben, Wissensdomänen und Ausbildungsplänen bilden (Pro-Nursing) oder die Beratung und therapeutische Interaktion mit Jugendlichen ermöglichen (Therapy 2.0).

Weiter sind dies Geräte und Vorrichtungen, die Pflegebedürftigen mehr Selbstständigkeit im Kontext Assisted Living Technologies ermöglichen. Den vielfältigen neuen Technologien in der Altenhilfe, wie z.B. Sensorsystemen für Zuhause (Smart Home), stehen ältere Menschen, ihre Angehörigen sowie Pflege- und Betreuungskräfte oft noch mit Unsicherheit und Skepsis gegenüber. Abhilfe soll eine E-Learning- Plattform mit verschiedenen Kursen bzw. Modulen für die jeweilige Zielgruppe schaffen. Die Plattform wird Pflege- und Betreuungskräften, Alltagsbegleiterinnen und -begleitern, Servicehelferinnen und -helfern oder pflegenden Angehörigen und ehrenamtlich Engagierten Fachwissen zur Verfügung stellen, um ethische, soziale und rechtliche Aspekte neuer Technologien einzuschätzen und abzuwägen. Sie wird so die Beratungskompetenzen der Pflege- und Betreuungskräfte in Bezug auf neue Technologien fördern (TechCare). Ein weiteres Projekt befasst sich mit der Definition von neuen Kompetenzen im Kontext von KI und Robotisierung in der Pflege (NursingAI).

Rettungsdienste und sicherer Krankentransport

Transnationale Kooperationen unterstützen den Erfahrungsaustausch zwischen Rettungsdiensten und das Zusammentragen von Konzepten und Strategien für eine erfolgreiche und effektive Bildungsarbeit im Rettungswesen. Dies soll allen Interessierten die Umsetzung einer handlungsorientierten Ausbildung im Rettungsdienst erleichtern. Langfristig wird eine Homogenisierung der rettungsmedizinischen Ausbildung in der EU angestrebt (EM.EDU).
Ein anderes Projekt fördert die interkulturelle Kompetenz von Rettungssanitäterinnen und -sanitätern (BICAS Building Intercultural Competencies for Ambulance Services).

Schließlich wird eine E-Learning-Plattform ein einheitliches Trainingsprotokoll bereitstellen zum sicheren Transport von Patientinnen und Patienten mit tropischen Krankheiten (TROPICSAFE).

Migrantinnen/Migranten und Geflüchtete

Eine Partnerschaft entwickelt und erprobt eine App für die Selbstbewertung und Qualifizierung im Altenpflegebereich für Migrantinnen und Migranten sowie Flüchtlinge (Migrants Care). Weiter verstärken europäische Projekte die Kapazitätsentwicklung für eine bessere Gesundheit Geflüchteter und von Migrantenkindern (EU-VET CARE) und fördern die Kompetenzen von Praktikern und Lehrenden der frühkindlichen Erziehung und Pflege unter interkulturellen Aspekten (TRAECE).

Europäischer Mehrwert

Diese EU-Projekte zeigen die Bandbreite und Potenziale europäischer Zusammenarbeit im Thema Gesundheit und Pflege auf. Sie stärken die Verbindung von Bildung und Arbeitsmarkt, entwickeln oder transferieren Innovationen und tauschen sich über gute Praxis aus. Es kann daher stimulierend sein, die Erfahrungen europäischer Projekte als Impulsgeber für die nationale Situation verstärkt zu nutzen.

Autor:

Dr. Torsten Dunkel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team Innovation und Kooperation in der Berufsbildung, Europass sowie Ansprechpartner in der NA beim BIBB zum Thema Gesundheit und Pflege in der Berufsbildung (dunkel[at]bibb(dot)de)

Literatur:

Dunkel, Torsten. Emerging skill needs in healthcare. In: Fathi, M./Khobreh, M./Ansari, F. (Hrsg.) Professional Education and Training through Knowledge, Technology and Innovation. Proceedings of Symposium of Professional Nursing Education and Training. Bonn, 2016, S. 13-23. URN: burn:nbn:de:hbz:467-10572

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